Am 11. und 12. September hielt die von ECE-Gründer Werner Otto (Otto-Versand) ins Leben gerufene Stiftung „Lebendige Stadt“ in der Gläsernen Manufaktur in Dresden ihre Jahrestagung ab.
Man kann wohl davon ausgehen, dass die Stiftung sich mit Vorbedacht einen Tagungsort ausgesucht hat, den die UNESCO ob seiner einzigartigen Lage an einer naturbelassenen Flussaue auf die Liste der Welterbestätten gesetzt hat. Denn das diesjährige Thema lautete: „Klimaschutz, Grün und Lebensqualität. Was können die Städte gegen den Klimawandel tun?“
Ganz von selbst musste die zentrale Frage nach dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen die drohende Zerstörung der Dresdner Elbtals durch ein Bauwerk ins Blickfeld rücken, das seinen lieblichen Namen „Waldschlösschenbrücke“ wahrlich nicht verdient hat.
Und das geschah denn auch – wenn auch nicht an prominenter Stelle – so doch in der Podiumsrunde am Vormittag des zweiten Tages, am 12. September. Da stellte der Moderator, der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, dem ihm durch die gemeinsame Arbeit im Kuratorium der Stiftung „Lebendige Stadt“ bestens bekannten Staatsminister Dr. Albrecht Buttolo gleich eingangs die Frage … Doch lesen Sie selbst, was er fragte und welche Diskussion sich um das Thema entspann.
Ich weiß – aus eigener Erfahrung – dass ich da in ein aktuelles Thema eingreife. Wie sehen Sie das und hat das ‘was mit Lebensqualität zu tun?
Die Stadt Dresden hat natürlich auf Grund der Gegebenheiten an der Elbe ein hervorragendes Pfund, was sehr wohl viel für die Lebensqualität des Einzelnen mitbringt.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Dresdner Bürger mit ihrem Bürgerentscheid richtig entschieden haben, als sie sich klar und mehrheitlich für den Bau einer Brücke ausgesprochen haben, wohl wissend, dass dies ein Eingriff in die Natur ist, aber daß dieser Eingriff notwendig ist, um tatsächlich langfristig diese Stadt am Leben zu erhalten.
Wenn ich den von Ihnen indirekt angesprochenen Brückenbau „Blaues Wunder“ mal benennen darf. Wir erleben in Dresden bei Hochwasser, und nicht nur bei so extremen Hochwasser wie 2002, wie wichtig diese Elbquerungen sind. Wenn das Blaue Wunder gesperrt werden muss – und das ist bei Hochwasser relativ häufig der Fall –, ist diese Stadt nahezu verkehrsmäßig unbeherrschbar.
Von der Seite her – glaube ich – muss man auch die Gratwanderung gehen können, Qualitäten zu schaffen, die auch langfristig tragen.
Ich würde mir erlauben von der Stadt Dresden mal den Sprung in eine andere sächsische Stadt zu wagen …“
Doch das Thema UNESCO stand erst einmal im Raum und der Moderator und auch andere Herren in der Runde fühlten sich herausgefordert, dazu etwas zu sagen.]
Ein ganz interessanter Weg und die vielen Damen und Herren Stadtplaner, die hier sind, haben es ja damals sicherlich mit verfolgt
Es ist schon ein bischen ärgerlich, wenn in die Autonomie einer Stadt, selbst zu planen, eingegriffen wird. Das war ja so, dass wir – nach langen Prozessen – auf dem anderen Rheinufer durchaus einen Kontrapunkt, einen modernen Kontrapunkt geplant hatten, einstimmig im Rat übrigens verabschiedet, der den Kölner Dom, der auf der anderen Seite im alten Stadtteil steht – meines Erachtens – überhaupt nicht tangiert hätte.
Aber hier wurde ja ganz erheblich politischer Druck aufgebaut, wie Sie wissen. Das ist vergleichbar mit Dresden und wir haben mit den Dresdner Kollegen ja auch lange diskutiert.
Die Frage ist, ob das … [hier hat sich der Redner schnell eines Besseren besonnen, und die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, lieber verkniffen] also ich wünsch’ […] meiner Kollegin, Frau Orosz, die wird demnächst nach Paris fahren müssen, dort antanzen – ich kenne das Gebäude sehr gut, hab ich noch sehr gut in Erinnerung, der WDR hat uns begleitet bei diesem Weg – wünsch’ ihr viel Erfolg. Ich denke. Sie muss die Gesamtheit der Stadt vertreten und darstellen.
ICOMOS hat eigentlich, tatsächlich den richtigen Standort gekannt oder kennt ihn.
Es ist nicht so, dass die Stadt Dresden mit irgendeiner Mogelpackung angetreten ist, sondern ICOMOS wusste es. Und wenn ICOMOS eine nicht ganz sachgerechte Bewertung vorgenommen hat, – glaube ich – müsste sich auch ICOMOS in der Verantwortung fühlen, jetzt das Ganze wieder zu richten.
Und das kann nicht so aussehen, dass diejenigen, die in dieser Stadt tatsächlich für etwas Nach-vorngerichtetes sich mühen, dass diese an den Pranger gestellt werden und letztendlich in eine Verteidigungsposition gedrängt werden. Das kann einfach nicht sein.
Ich finde das nahezu erschreckend, wenn eine Institution wie ICOMOS nicht einen durchaus begehbaren Fehler gewillt ist einzugestehen, um damit eigentlich zu einer Entspannung dieser Diskussion beizutragen.
Das ist ein Punkt, wo es mit meinem Verständnis etwas hapert.“ [Applaus]
Doch der nächste Diskussionsredner, der Senator der Freien und Hansestadt Lübeck, schwenkte nach einer höflichen Eingangsfloskel um. Er beschrieb genau das, warum es geht, um „Heritage as opportunity“, Welterbe als Chance für die Entwicklung der Städte.]
Und es ist auch nicht so, dass es in Lübeck ohne ICOMOS und ohne UNESCO geht.
Ich kann Ihnen nur sagen, dass der Ingenhofbau der Firma Peek & Cloppenburg […] am Marktplatz in Lübeck uns auch auf die Rote Liste gesetzt hatte und es war ein schweres Stück Arbeit, dort wieder runterzukommen.
Wir haben uns aber aus dieser Umklammerung insofern befreit, als wir aus der Not eine Tugend gemacht haben. Wir haben mittlerweile nicht nur einen Gestaltungsbeirat und UNESCO-Welterbe-Beirat, sondern wir beziehen unsern Vertreter von ICOMOS in die Planung von Anfang an mit ein. Wir gehen sogar so weit, dass wir Frau Dr. Ringbeck in Wettbewerbe einladen. Und wir haben damit gute Erfahrung gemacht, nämlich wenn man im Vorfeld der Planung sie mit einbezieht und die entsprechenden Qualifikationen auch bekommt, dann fällt es einem Herrn Petzet schwer hinterher zu kommen und dann als Einziger zu kritisieren. Denn dann steht er allein da.
Dieser hochberühmte Professor Petzet – also nicht er selbst, sondern in seinem Umfeld – ist da aufgezogen auf „Zeche Zollverein“, viel Öffentlichkeit ist erzeugt worden, Randale könnte man auch sagen.
Nach etwa drei Monaten ist es auch gelungen, den Herrn Professor Petzet mal nach „Zollverein“ zu bringen. Da haben wir höhere Gebäude, eines ist 50 Meter hoch, da kann man oben drauf gehen. Da stand der Herr Professor oben drauf, guckte runter und sagte: „Ach da steht ja noch fast alles.“ Also, der hatte so den Eindruck vermittelt bekommen, als ob da irgendwie der Bagger rotiert. Und das ist ein ganz großes Problem: das der medialen Vermittlung und des sorgfältigen Aufbereitens. Da wird sozusagen so ‘ne Emotionsbombe gezündet und wir wissen noch nicht mal, wer ist Täter, wo’s hingeht. Das ist so ne diffuse Masse, die sich da so hochschwingt Und das kriegt man auch kaum gepackt irgendwie. Also ich habe da auch gar keine Idee, wie man das hinkriegt […]
Viel emotionsloser sprach Thomas-Erik Junge, seines Zeichens Dezernent für Kultur, Ordnung und Sicherheit in Kassel, zum Thema. Er nannte einfach das Faktum und brachte die „Bürgerschaft“ als wichtigen, wenn nicht überhaupt zentralen Akteur im Prozess ins Gespräch.]
Man muss davon runter, dass Kultur nur die schöne Kunst ist […]
Für mich ist Kultur alles das, was der Mensch mit seinem Verstand, seiner Emotion, seiner Kreativität und seiner Hände Arbeit an Welt und Umwelt gestaltet […]
Wir müssen den Menschen viel mehr mit einbeziehen. Das haben wir in der Kulturhauptstadt-Bewerbung gemacht und das funktioniert in Kassel noch heute, dieses bürgerschaftliche Engagement, mit einem solchen allgemeinen Kulturbegriff, der sich dann natürlich auch weiterhin spezialisieren und verifizieren kann und auch soll.“

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